Bibel-Codices 

Ein Codex ist ein handgeschriebenes, antikes oder frühmittelalterliches Buch, Nachfolgemedium der Schriftrolle. Es gibt mehrere komplette Bibel-Codices, von denen einige als Grundlage heutiger Bibelübersetzungen dienen. Bekannte Bibel-Codices sind z. B. der

    Codex Leningradensis von 1008 A.D., hebräisch, masoretischer Text, Altes Testament, in Auftrag gegeben von Meborach ben Joseph
    Codex Amiatinus von ca. 700 A.D., älteste komplette Bibel auf lateinisch, von dem angelsächsischen Abt Ceolfrid in Aufrag gegeben
    Codex Alexandrinus aus dem frühen 5. Jahrhundert A.D., komplette Bibel auf griechisch, stammt aus Alexandrien, wurde 1621 von Kyrill Lucaris, der zuerst Patriarch von Alexandrien war und danach Patriarch von Konstantinopel, nach Konstantinopel gebracht und dann 1627 als Geschenk an den englischen König Charles I. übergeben.
    Codex Vaticanus vermeintlich aus dem 4. Jahrhundert A.D., komplette Bibel auf griechisch, unbekannte Provenienz
    Codex Sinaiticus vermeintlich aus dem 4. Jahrhundert A.D., komplette Bibel auf griechisch, unbekannte Provenienz

••  Die reformatorischen Bibelübersetzungen, wie die Luther-Übersetzung von 1545 oder die immer noch sehr gute Luther-Übersetzung von 1912 oder die englische King James Version, verwendeten fürs Alte Testament den so genannten masoretischen Text. Die masoretischen Textquellen, die Luther zur Verfügung standen, entsprechen dem Text des Codex Leningradensis.

Fürs Neue Testament benutzten die Reformatoren den griechischen Textus Receptus. Er war von Erasmus erstellt worden und stützte sich auf spätbyzantinische Quellen und auch auf die Vulgata von Hieronymus.

Die aktuelle Vulgata (Weber-Gryson) ist der Vulgata von Hieronymus und dem Codex Amiatinus sehr nahe***Die von 1592-1979 in der katholische Kirche gültige Vulgata Clementina war nicht ganz so quellentreu, die aktuelle Vulgata Nova hingegen basiert wesentlich auf der sehr guten Biblia Sacra Iuxta Vulgatam Versionem Stuttgart, also der Vulgata (Weber-Gryson). und ist dem Textus Receptus ebenfalls sehr nah, unterscheidet sich von ihm vor allem bei der Schreibweise von Namen.

Die Zahl der byzantinischen Schriftfragmente ist gewachsen, der resultierende Korpus heißt nun Mehrheitstext, ist aber nur wenig verschieden vom Textus Receptus oder der Vulgata (Weber-Gryson 1969/2007).

••  Der aktuelle „wissenschaftliche“ Standard fürs Neue Testament, die Nestle-Aland-Ausgabe, weist mehr als 6000 Abweichungen vom Textus Receptus auf.

Die Nestle-Aland-Ausgabe ist eine textkritische Quelle, das heißt: Bei ihrer Erstellung wurde die sogenannte textkritische Methode angewendet. Viele moderne Bibelübersetzungen wählen sich als Quelltext fürs Neue Testament die Nestle-Aland-Ausgabe. Sie beruft sich auf Tischendorfs Codex Sinaiticus, den Codex Vaticanus und viele kleinere alexandrinische Manuskripte. Die Qualität und Authentizität dieser Quellen ist fragwürdig (BurgonJohn William Burgon (1971). The Revision Revised. New York, N.Y.: Dover Publications.). Der Codex Sinaiticus enthält das Alte und Neue Testament auf Griechisch. Das Alte Testament des Codex Sinaiticus ist von geringerer Güte als die hebräische, masoretische Textvorlage, wird darum auch nicht als Referenz verwendet. Das Neue Testament des Codex Sinaiticus, so sagt man, sei aber von höchster Güte. Es gilt, zusammen mit dem Neuen Testament aus dem Codex Vaticanus, als älteste und verlässlichste Textquelle. Das in ein und demselben Codex das Alte Testament nicht so gut sei, das Neue Testament aber der Maßstab der Wissenschaft, ist schon erstaunlich, wie auch die Geschichte der Entdeckung des Codex Sinaiticus:

Im Mai 1843 war Contantin Tischendorf (1815-1874) beim Papst zu Besuch und durfte den Codex Vaticanus anschauen. Dann ging er auf Reisen, um alte Bibelhandschriften zu suchen und zu finden. Schon im Mai 1844 stieß er im Katharinenkloster (Sinai) in einem Abfallkorb auf vermeintlich 1500 Jahre alte biblische Handschriften, die aber in ganz hervorragendem Zustand waren, gar nicht bröselig, wie bei solch alten Pergamenten zu erwarten. Die gelehrten Mönche hatten kurz vor Tischendorfs Besuch entschieden, alte Pergamente zum VerbrennenPergament brennt nicht gut. Die Behauptung von Tischendorf, dass er alte Manuskripte an sich gebracht hatte, die zum Verbrennen aussortiert worden waren, kann kaum wahr sein und wurde auch erst im Jahre 1859 von ihm veröffentlicht. auszusortieren ohne zu ahnen, was sie da als Abfall aussortierten (Tischendorf, S. 23-24Constantin Tischendorf (1867). When were our Gospels written?. London: The Religious Tract Society. Second Edition.). Zum Glück kam in diesem Moment Tischendorf vorbei, um die Pergamente zu entdecken und zu retten. Wer kann solche Storys glauben?

Der Codex Vaticanus, ebenfalls ein griechisches Dokument, wurde durch die „Entdeckung“ des Codex Sinaiticus sehr aufgewertet. Der Codex Vaticanus tauchte unvermittelt im Jahr 1475 in Rom auf. Niemand weiß, wo er herkam. Erasmus kannte den Codex Vaticanus und hielt ihn für korrumpiert. Auch Tischendorfs Codex Sinaiticus ist ohne jegliche Provenienz: ohne Belege oder Wissen über seine Entstehung. Tischendorf „datierte“ den Codex Sinaiticus auf die Mitte des 4. Jahrhunderts. Später datierte er dann den Codex Vaticanus ebenfalls auf das 4. Jahrhundert. Ihm wurden unmittelbar Fälschungsvorwürfe gemacht, vergl. CooperBill Cooper (2016). The forging of codex sinaiticus. Publisher: Creation Science Movement..

••  Der berühmteste Fälscher des 19. Jahrhunderts war der Grieche Konstantinos Simonides (ca. 1820-1890). Er war ein erwiesener Meister seines Fachs. Er behauptete, den kompletten Codex Sinaiticus erstellt zu haben. Als Nachweis hatte er Markierungen auf ausgesuchten Seiten des Codex Sinaiticus hinterlassen, obwohl er die Pergamente offiziell ja nie in Händen gehabt hatte, der Codex Sinaiticus wurde ja 1862 unmittelbar an den russischen Zaren übergeben. Simonides besaß eine exklusive Liste der Markierungen, die er eingearbeitet hatte. Sie wurden daraufhin in Sankt Petersburg, dem Aufenthaltsort des Codex Sinaiticus, alle verifiziert (FalconerFalconer Madan (1893). Books in Manuscript. London: Kegan Paul, Trench, Trübner & Co., Seite 124-128.).

Am Ende des griechisch verfassten Codex Sinaiticus, von Tischendorf im Jahre 1862 herausgegeben, taucht ein Teil eines apokryphen Buches auf: Der Hirte des Hermas. Es gibt nur mittelalterliche lateinische Vorlagen für dieses Buch. Die erste auf griechisch wiederveröffentliche Ausgabe von Der Hirte des Hermas stammt von Simonides und geschah zu Leipzig im Jahre 1856 (Anger (Hg.)Rudolph Anger (Hg.) (1856). Hermae Pastor. Leipzig: T.O. Weigel.). Eine Textanalyse belegt, dass beide Versionen des Buches Der Hirte des Hermas – die von Simonides veröffentlichte und die von Tischendorf veröffentlichte – nur gering verschieden voneinander sind und dass beide Versionen in gleicher Weise den Duktus eines aus dem Lateinischen ins Griechische übersetzten Textes aufweisen, siehe DonaldsonJames Donaldson (1864). A critical history of Christian literature and doctine from the death of the Apostles to the Nicene Council. Vol. 1: The Apostolical Fathers. London: Macmillan and Co., Seite 308-311.. Dass der Codex Sinaiticus aus dem 4. Jahrhundert stammt, wie reklamiert, ist damit ausgeschlossen. Weil Simonides seinen griechischen Text des Hirte[n] des Hermas im Jahre 1856 veröffentlichte, sechs Jahre bevor dieselbe Fälschung im Codex Sinaiticus erschien, ist erwiesen, dass der Codex Sinaiticus eine Fälschung aus den Händen von Simonides ist, genau wie er selbst auch behauptet hat.

••  In Bibelübersetzungen, die auf der Nestle-Aland-Ausgabe basieren, findet man nicht selten Fußnoten, dass „die ältesten Manuskripte“ etwa einen bestimmten Vers nicht enthielten oder diese oder jene Lesart bevorzugten. Der Hinweis auf „die ältesten Manuskripte“ bezieht sich auf den Codex Sinaiticus und den Codex Vaticanus. Die geringen, aber offensichtlichen Diskrepanzen zwischen dem Textus Receptus und der Nestle-Aland-Ausgabe haben die theologischen Diskussionen komplexer gemacht, neue kritische Ansätze in der Theologie eröffnet und bibelkritischen Ansichten einen wissenschaftlichen Anstrich gegeben.

Die Nestle-Aland-Ausgabe, die sich selbst gern als wissenschaftliche Ausgabe preist, ist von Wissenschaft weit entfernt. Die Erstausgabe (1898) dieses Neuen Testaments in griechischer Sprache, wurde von Eberhard Nestle (1851-1913) verfasst. Herausragende Griechischkenntnisse wurden ihm nicht attestiert, waren auch nicht vonnöten bei der Umsetzung seiner Idee für ein griechisches Neues Testament: Er suchte sich drei textkritische griechische Vorlagen: Tischendorf, Westcott/Hort und Weymouth. Wo diese drei Texte nicht identisch waren, entschied er sich immer für die Lesart, in denen zwei Quellen übereinstimmten. Die abweichende Quelle schrieb er in die Fußnote. Den Text, der dadurch entstand, hat es realiter nie gegeben. Er war als Folge von Nestles Methode neu entstanden. Dass zwei seiner drei Quellen – die von Tischendorf und die von Westcott/Hort – auf Fälschungen basieren, kommt hinzu, denn ja, die Tischendorf-Quelle ist natürlich der Codex Sinaiticus, auch das Neue Testament von Westcott/Hort baut auf Sinaiticus / Vaticanus / Alexandrinus. Nach einiger Zeit wurde die Weymouth-Quelle gegen das Neue Testament des liberalen Theologen Karl Philipp Bernhard Weiss ausgetauscht. Heute werden für die Nestle-Aland-Ausgabe viele Quellen verwendet und computergestützte Verfahren eingesesetzt (Coherence-Based Genealogical Method), was inhaltlich aber kaum Auswirkungen hatte. Nach wie vor geben die „Experten“ der Uni Münster vor, der Codex Sinaiticus sei die sicherste, älteste Quelle und weichen mit diesem Argument bewusst vom Textus Receptus ab.